Interview des Monats: Wenn das zweite Standbein zum ersten wird

Evi Abbrederis (Jg. 1968) war 15 Jahre selbstständige Grafikerin und gleichzeitig als Freelancerin für die Fa. Rauch Fruchtsäfte als Packaging Spezialistin zuständig. Sie hat die Selbständigkeit mittlerweile wieder gegen eine Festanstellung als Team Lead Marketing Operations eingetauscht.

Dürfen wir mehr über Ihren Werdegang erfahren?
Evi Abbrederis: Meine Jugend verbrachte ich über zwei Jahre lang in London und besuchte dort die Heatherly School of Fine Art. Immer aufgeschlossen für Neues, war ich eine der ersten die 1989 in London die ersten Kontakte mit einem Apple Macintosh im Zuge eines Grafikkurses knüpfte. Statt Modedesign zu studieren kam ich 1990 zurück nach Vorarlberg und begann von der Pike auf als Grafikerin beim Atelier Raos zu arbeiten. Nach drei Jahren wechselte ich für sechs Jahre zu Egger&Lerch, wo ich die ersten Berührungspunkte mit dem World Wide Web hatte. Nach anschließenden drei Jahren beim Team a5 und der Geburt meiner Tochter Emma entschied ich mich für die Selbstständigkeit. Für mich und meine Familie war es perfekt: für mein Kind da zu sein und gleichzeitig erwerbstätig sein zu können. Es war allerdings nicht immer leicht, Beruf und Privatsphäre zu trennen, da sich mein Büro direkt hinter der Küche befand.

Frau Abbrederis, warum sind Sie schließlich von der Selbständigkeit wieder in ein Angestelltenverhältnis zurückgegangen?
Evi Abbrederis: Die ganzen Jahre meiner Selbstständigkeit musste ich nie irgendwelche Kunden akquirieren. Einer meiner damaligen Kunden hatte mich auch ermuntert selbständig zu werden, ansonsten würde er die Agentur wechseln. Meine damaligen Kunden - die durch Mundpropaganda dazustießen - und das zweite Standbein - die Fa. Rauch - ergänzten sich sehr gut mit meinen Familienaufgaben. 2017, als mein wichtigster Kunde wegfiel, entschied ich mich für ein 80%iges Angestelltenverhältnis bei der Fa. Rauch und das hauptsächlich auf Homeoffice Basis. 2018 verließ meine damalige Chefin die Firma und ich wurde als „50jährige“ zur Leiterin Marketing Operation befördert.

Welches waren Ihre bislang spannendsten Projekte?
Evi Abbrederis: In meiner Selbständigkeit und überhaupt als Grafikerin hatte ich sehr viel tolle Kunden und Projekte, aber eines der spannendsten war die Aufführung des „Jedermann“ in der Basilika in Rankweil bei der ich den kompletten grafischen Auftritt entwickeln durfte. Auch eine internationale Weinetikettenprämierung in Wien, für die mein Exmann und ich den ersten und zweiten Preis bekamen – Kunde war der damalige Pächter vom Weingut Liebfrauenberg - war ein tolles Projekt.

Wie sehen Sie die Zukunft der Grafik – wird die Digitalisierung hier Arbeit wegrationalisieren?
Evi Abbrederis: Auf keinen Fall, die Digitalisierung ist wichtig, aber das menschliche Auge kann nicht wegrationalisiert werden. Klar, in den letzten 30 Jahren hat sich im digitalen Bereich sehr viel getan und es wird auch noch sehr viel Neues auf uns zukommen. Was es jetzt gibt, sind viele Spezialisten, sei es Packaging, Print, Webdesign, etc. Aber auch hier hat sich  programmmäßig in den letzen Jahren auch nicht mehr viel getan – das Rad kann auch nicht mehr neu erfunden werden. Im Bereich Grafik muss man einfach Zeitgeist und ein Gefühl für Trends haben!