Interview des Monats: Journalismus muss als öffentliches Gut gefördert werden

Michael Prock (37) maturierte am Sportgymnasium Dornbirn und startete während des Studiums bereits seine journalistische Tätigkeit u.a. war er angestellter Sport-Redakteur bei der „Neue Vorarlberger Tageszeitung“. 2014 wechselte er zu den „Vorarlberger Nachrichten“. 2019 zeichnete ihn der „Österreichische Journalist“ als Vorarlberger „Journalisten des Jahres“ aus. Als Studienautor wurde Prock im vergangenen Jahr für seine Arbeit „Ein Geben und Nehmen: Der Einfluss der persönlichen Beziehung zwischen JournalistInnen und PolitikerInnen auf die Berichterstattung in Vorarlberg“ mit dem „Franz Bogner Wissenschaftspreis“ des Public Relations Verbandes Austria ausgezeichnet.

Herr Prock, Sie hätten sich vermutlich nicht träumen lassen, dass ihre Masterthesis im wahrsten Sinne des Wortes von „brandaktuellen“ Ereignissen eingeholt wird?

Michael Prock: Das klingt jetzt abgedroschen, aber das Thema scheint immer brandaktuell zu sein. Als ich Anfang Oktober auf einer Veranstaltung in Wien war und mit jemandem über diese Masterarbeit sprach, hörte ich denselben Satz. Damals ging gerade die Affäre um mutmaßlich mit Steuergeld gekaufte und geschönte Umfragen hoch. Das war nur möglich, weil die Chefs der Zeitung Österreich mit dem Führungszirkel im Finanzministerium eng zusammengearbeitet haben. Zu dieser Zeit bröckelte auch der enge Austausch von Sebastian Kurz und vielen führenden Journalisten im Land. Und vor Kurz hat es dieses enge Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten auch schon gegeben. Es wird es auch immer geben, ich möchte das gar nicht bewerten. Man muss es nur wissen. Man muss wissen, worauf man sich einlässt, wie man damit umgeht und welche Folgen es haben kann. Darum habe ich das Thema untersucht. Um meine Kollegen zu sensibilisieren.

Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach PR- und Marketingagenturen im Politzirkus?

Michael Prock: Wenn ich von der Nähe zwischen Politikern und Journalisten spreche, dann ist die politische Öffentlichkeitsarbeit nicht weit. Sie ist der Grund, weshalb wir früher von Spin Doktoren gesprochen haben und nun Message Control sagen. Ihre Arbeit ist es, Politiker gut dastehen zu lassen. Und als Journalist muss ich das wissen. Wenn die ÖVP mit ihrer Message Control, die ihr lange nachgesagt wurde, durchkommt, dann ist es nicht ein Fehler der ÖVP. Die PR-Agenturen und Mitarbeiter machen nur ihren Job. Es ist ein Fehler der Journalisten, die Message Control nicht als solche zu entlarven. Ein Problem sehe ich darin, dass Pressesprecher oftmals zu Menschen aus der politischen PR geworden sind. Sie sehen sich nicht mehr als Servicestelle zwischen Journalisten und Politik, sondern sehen ihre Aufgabe oft darin, Entscheidungen eines Politikers zu verkaufen und ihn zu rechtfertigen. Aber das ist kein Ergebnis meiner Arbeit sondern ein persönlicher Eindruck. Politische PR ist jedenfalls sicher professioneller geworden.

Wie wirkt sich das auf die Politik aus?
Michael Prock: In der Literatur ist von Mediatisierung die Rede. Politik orientiert sich zunehmend an der Medienlogik. Das heißt, politische Öffentlichkeitsarbeit simuliert Journalismus. Eine wesentliche Theorie, mit der ich gearbeitet habe, ist die politische Kommunikationskultur. Darin wird diese Entwicklung als medienorientierte Kommunikationskultur bezeichnet. Thematisierung in der Politik richtet sich nach Medienregeln. Es wird darüber berichtet, was hohe Aufmerksamkeit erregt. Also: Newswert, Personalisierung, Emotion und Infotainment. Im Extremfall kann das dazu führen, dass kaum noch politischer Gehalt übrig bleibt. Die Gesellschaft wird entpolitisiert.

Ist das in Vorarlberg so?
Michael Prock: Nein. Ich habe das nur im Rahmen einer Master-Thesis untersucht. Also sehr oberflächlich, man könnte da wesentlich tiefer gehen. Aber in Vorarlberg findet sich am ehesten eine PR-orientierte politische Kommunikationskultur. Also: Ein enges Verhältnis zwischen Journalisten und Politikern oder politischen Sprechern. Auch da dominiert die Medienlogik. Es kann sein, dass politische Entscheidungen überdramatisiert werden. Es gibt wechselseitige Kooperationen und Interaktionen sowie informelle Versuche der Einflussnahme. Abseits der Kommunikationskultur zeigt sich vor allem, dass das sogenannte Tauschgeschäft eine wesentliche Rolle spielt: Information gegen Publizität. Das ist aber keine Vorarlberger Ausnahme sondern insgesamt eher die Regel im Verhältnis zwischen Politik und Journalismus.

Wie kann unabhängiger Journalismus gestärkt werden?

Michael Prock: Naja, es klingt abgedroschen. Aber es ist ganz einfach: Es braucht starke, selbstbewusste Redaktionen und Redakteure. Das heißt es braucht genug Geld, genug Leute, sehr gut ausgebildete Leute, loyale Chefs und eine Abwehrmauer zur Inseratenabteilung. Wie das gewährleistet werden kann, steht auf einem anderen Blatt. Aber eines ist klar: Unabhängiger Journalismus ist ein öffentliches Gut, er ist für eine funktionierende Demokratie unerlässlich. Und Journalismus muss als öffentliches Gut behandelt und gefördert werden.

Danke für das Gespräch! Andrea Fritz-Pinggera

Hinweis: am 24. Mai lädt der PRVA in die Postgarage, um mit Michael Prock über die Ergebnisse seiner Masterthesis zu diskutieren. Alt-LR Schwärzler wird ebenfalls Gast sein.